Wikipedia: Manipulation bei Seiten von Innsbrucker Politiker:Innen?

Bei den Seiten von Franz Xaver Gruber (Ex-ÖVP), Barbara Neßler (Grüne), Markus Lassenberger (FPÖ) und Rudolf Federspiel (FPÖ) ist es zu fragwürdigen Vorgängen gekommen.

Die freie Internet-Enzyklopädie Wikipedia ist Anlaufstelle Nummer 1, wenn es um schnelle Info-Beschaffung geht. Das macht sie aber auch zum Ziel von Manipulationen: Unliebsame Informationen werden gestrichen, positive Aspekte hervorgehoben.

Dies geschieht zum Teil durch die Personen selbst oder aber durch Sympathisant:innen. Mitunter werden professionelle Agenturen damit beauftragt, den Eintrag zu “frisieren”.

Unsere Recherche zeigt: Auch die Seiten von Innsbrucker Politiker:innen könnten bewusst manipuliert worden sein. Ein eindeutiger Nachweis ist freilich nicht möglich, da jede:r dort mit beliebigen Namen mitschreiben kann. Wohl aber werfen gewisse Bearbeitungen Fragen auf.

Grundsätzlich gilt: Niemand sollte seine eigene Seite oder die von Personen mit einem Naheverhältnis bearbeiten. Die Darstellung muss in jedem Fall neutral und ohne persönliche Beeinflussung sein.

👉 Beispiel 1: Franz Xaver Gruber (Ex-ÖVP)

Dessen Wikipedia-Seite wurde 2011 von einem User unter dem Namen “aab-tirol” erstellt. Dies ist auch das Kürzel der ArbeitnehmerInnnenvereinigung der ÖVP Tirol (AAB Tirol).

In dem Text wurde im selben Jahr ein Abschnitt zu Grubers Lobbytätigkeit für eine Innsbrucker Firma mit etlichen Quellenangaben ergänzt. Der Fall hatte für breites Medieninteresse gesorgt, Gruber hatte die Vorwürfe im “Standard” im Wesentlichen bestätigt: “Aus seiner Tätigkeit bei der Agentur habe er nie ein Geheimnis gemacht, erklärt Franz Xaver Gruber” in einem Artikel vom Oktober. Und so stand es seit 18.10. 2011 auch auf Wikipedia: “Gruber bestätigte die Fakten, sah aber zunächst kein Fehlverhalten.”

Am 2. 11. löschte eine nicht registrierte Person diesen Satz und ersetzte ihn mit “Gruber sieht keine ‘unbotmäßige Vermischung’ von politischem Mandat und PR Tätigkeit.” Später wurden weitere Änderungen an dem Absatz vorgenommen und drei Quellenangaben entfernt. Heute ließt sich der Absatz so, als wären die Vorgänge von “politischen Mitbewerbern” erfunden worden (siehe Bild).

Zudem: In der Erstversion des Textes (von “aab-tirol”) hatte es geheißen, Gruber hätte ein “Fachwirtstudium für Public Relation” in Bayern abgeschlossen. Nach drei Jahren korrigierte eine Editorin den Satz und schrieb, dass es sich um einen Weiterbildungslehrgang gehandelt hatte.

👉 Beispiel 2: Barbara Neßler (Grüne)

In den Wikipedia-Richtlinien wird klar festgehalten: Für einfache Mitglieder eines Gemeinderates dürfen keine Wikipedia-Seiten angelegt werden, da dies dem Relevanzgebot widerspricht.

Neßlers Seite wurde am 8. 8. 2019 erstellt. Sie war zu diesem Zeitpunkt – vor ihren Einzug in den Nationalrat im darauffolgenden September – einfaches Gemeinderatsmitglied. Erstellt hatte die Seite eine nicht registrierte Person unter dem Namen “jheitzer”. Zu diesem Zeitpunkt war Jonas Heitzer GRAS-Mandatar an der Uni Innsbruck und Praktikant im Bereich Öffentlichkeitsarbeit der Innsbrucker Grünen. Es gibt ein Werbevideo, in dem Neßler und Heitzer zu sehen sind.

Neßlers Seite wurde sofort nach dem Erstellen – nach 1,5 Stunden – mit dem Hinweis versehen, dass sie den Relevanzkriterien widerspricht und gelöscht oder verschoben werden muss. “jheitzer” ergänzte die Seite später mehrfach, beließ sie jedoch den ganzen Wahlkampf über – zwei Monate lang – auf Wikipedia und damit auf einer einflussreichen Plattform. Mit dem Einzug in den Nationalrat Ende September erübrigte sich das Problem der Relevanz, nicht aber jenes, ob ihr durch den Wikipedia-Artikel ein unlauterer Vorteil verschafft worden war.

👉 Beispiel 3: Markus Lassenberger (FPÖ)

Lassenbergers Wikipedia-Seite wurde im Februar 2021 von einer Person unter dem Namen “Das Lasso” erstellt. Die Seite enthält nur wenige Informationen. Im März wurde sie von einer anonymen Person bearbeitet und mit dem Hinweis versehen, dass die “Änderungen vom Betroffenen selbst erfolgten”. Generell sollten Politiker:innen nicht selbst an ihren Wikipedia-Texten schreiben. Der Umfang der Änderungen wäre jedoch im Rahmen des erlaubten, hätte sich Lassenberger registriert und verifizieren lassen.

👉 Beispiel 4: Rudi Federspiel (FPÖ)

Dessen Wikipedia-Seite wurde 2008 erstellt. Im Dezember 2015 nahm eine Person unter dem Namen “Birgit Weirather” drei Änderungen an dem Text vor: Sie entfernte den Hinweis, dass Federspiel sein BWL-Studium “1975 ohne Abschluss beendete“, änderte den Namen in “Rudi” und schrieb einen Absatz um. Dort hatte es geheißen, dass Federspiel 2008 aus der Partei ausschied, da er “keinen sicheren Listenplatz erhalten hatte”. Dieser Zusatz wurde gelöscht. Nach der Bearbeitung stand dort, dass Federspiel 2012 mit seiner Bürgerliste angetreten war und “3 Mandate eroberte”. Diese Änderungen sind zum Teil bis heute aktiv, wer sie durchgeführt hat, bleibt unbekannt. Fest steht: Federspiels Frau, Birgit Federspiel, heißt unverheiratet Weirather.

In allen Fällen bleiben die Urheber:innen der Änderungen ungewiss. Ob die Personen mit Namensähnlichkeit die Verfasser:innen waren, lässt sich nicht belegen – aber auch nicht ausschließen. In jedem Fall sollte Informationen von Wikipedia stets mit Vorsicht begegnet werden.

Siehe auch:
Franz X. Gruber und Lobbying (Standard)
Franz X. Gruber und Wikipedia-Änderungen (dieTiwag)
Das Problem der Wiki-Manipulation (Netzpolitik)

Fotos: Screenshots Wikipedia