Verbotene Nazi-Symbole in Innsbrucker Friedhöfen

“In Wien ist es der Zentralfriedhof, wo Berühmtheiten aus Politik, Kultur und Wissenschaft ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. In Innsbruck ist es der kleine Mühlauer Gemeindefriedhof, der sozusagen hochkarätig belegt ist”, schrieb die Wiener Zeitung vor einigen Jahren anerkennend.

Der Grund: Etliche Persönlichkeiten aus dem kulturellen Leben liegen im “Dichter:innenfriedhof”, wie der Neue Mühlauer Friedhof auch genannt wird, “beinahe Schulter an Schulter” begraben. Die Schriftstellerin Anna Maria Achenrainer etwa, oder der Verleger und Essayist Ludwig von Ficker.

Der bekannteste ist gewiss der expressionistisch geprägte Lyriker Georg Trakl, der mehrere Jahre in Innsbruck gelebt hatte und 1914 in Galizien verstarb. Auch der Park bei der Mühlauer Brücke, in dem er sich oft aufgehalten haben soll, ist nach ihm benannt.

Wer die Gräberzeilen entlangspaziert und genau hinschaut, wird aber noch etwas anderes entdecken.

Statt Stern und Kreuz: Lebens- und Todesrunen

Auf zahlreichen Grabsteinen finden sich bei Geburts- und Sterbedaten kryptisch anmutende Symbole. Statt der traditionellen genealogischen Zeichen – Stern für Geburt, Kreuz für Tod – wurden Symbole in den Stein gemeißelt, die einem stehenden und umgedrehten Ypsilon ähneln: Es sind Abwandlungen eines altnordische Runensymbols, der Elhaz-Rune, auch “Gabelkreuz” genannt.

Die ursprüngliche Bedeutung der Elhaz-Rune ist nicht bekannt, vermutlich dürfte sie “Elch” gewesen sein. Um 1900 erfand ein antisemitsch-rassitischer Esoteriker aus Österreich ein neues Runenalphabet: Die Elhaz-Rune wurde darin zum Symbol des Lebens und – auf den Kopf gestellt – des Todes umgedeutet.

Abzeichen von NSDAP-Organisationen

Im Nationalsozialismus fanden diese Pseudo-Runen dann große Verbreitung, die bekannteste ist wohl die S-Rune, die gedoppelt das Abzeichen der SS bildete. Teile der Bewegung standen dem Christentum ablehnend gegenüber und griffen daher auf die – vermeintlich – germanische Sagen- und Symbolwelt zurück.

Die Lebensrune wurde von den Nazis nicht nur als genealogisches Zeichen verwendet:

In der Verwendung der Nationalsozialisten wurde die Rune … als “Lebensrune” interpretiert, die das menschliche Leben, Geburt und Fruchtbarkeit symbolisieren sollte. Die Rune wurde daher zum Abzeichen der “NS-Frauenschaft”, des “Deutschen Frauenwerks” und des “Reichsbund Deutsche Familie”. Daneben wurde es auch zum Dienstrangabzeichen des SA-Sanitätswesens und mitunter (inoffiziell) zum Zeichen nationalsozialistischer Apotheker.

Und damit wird es problematisch: Alle Abzeichen von NSDAP-Organisationen sind in Österreich durch das Abzeichengesetz von 1960 verboten. Und dabei gibt es – wie mehrere Gerichtsurteile festgehalten haben – kaum Interpretationsspielraum.

45 Fälle allein in Mühlau

Auch heute noch sind Lebens- und Todesrunen in der rechtsradikalen Szene weit verbreitet. Die 1988 in Österreich wegen NS-Wiederbetätigung aufgelöste Nationaldemokratische Partei des Neonazis Norbert Burger trug sie im Logo, ebenso wie die 2008 aufgelöste neonazistische Schweden-Partei.

Wir haben nachgezählt: Im Mühlauer Friedhof finden sich Lebens- und Todesrunen neben den Namen von 45 Verstorbenen, wobei es keineswegs nur historische Relikte sind. Etliche mit Runen gekennzeichnete Todesdaten sind aus den Nuller- und Zehnerjahren, etwa von 2017 und 2018. Auch andere Friedhöfe in Innsbruck sind betroffen, wie einige Beispiele aus Pradl belegen.

Vielfach dürfte es sich dabei um Schlampigkeit gepaart mit fehlendem historischem Bewusstsein handeln: Bei Familiengräbern wurde die einmal verwendete Runen-Schreibweise bei später Beigesetzten mitunter einfach übernommen. Einige in der Nachkriegszeit Verstorbene oder ihre Angehörige dürften sie sich auch bewusst ausgesucht haben.

Und weder Steinmetzbetriebe, Bestattungsunternehmen, Friedhofsverwaltungen oder sonstige Behörden, denen es aufgefallen wäre oder die es unterbunden hätten.

Klare Gesetzeslage: Lebensrunen sind verboten

Nazi-Symbole auf Grabsteinen – für einige eine Lappalie, für andere symptomatisch für die fehlende Aufarbeitung der Nazizeit in Österreich, für Nachfahren von NS-Opfern eine Verhöhnung. Gerade aus Respekt vor dem unsäglichen Leid sollte es selbstverständlich sein, auf die Verwendung der durch die Nazis geprägten und popularisierten Symbole zu verzichten.

Die Gesetzeslage ist wie erwähnt eindeutig: Auch die Lebensrune ist als Abzeichen einer NSDAP-Organisation vom Abzeichengesetz 1960 betroffen, seine Verwendung daher verboten, urteilte das Verfassungsgericht 1983.

In Linz sorgte 2015 ein Grab mit SS- und Lebens- und Todesrunen für Aufsehen. Nach einer Intervention einer antifaschistischen Initiative wurde die Friedhofsverwaltung aktiv: Der Grabstein musste umgestaltet werden.

Fotos: Redaktion / Kurier