Verallgemeinerungen lösen weder Corona, noch die soziale Frage

Ich halte diese Frontalopposition gegenüber den Corona-Maßnahmen-Protesten für einen strategischen Fehler.

In ihrer Sozialzusammensetzung unterscheiden sich die Proteste von ihren Kritikern durch Alter und Bildungsniveau. Neben dem berechtigten Vorwurf, die Protestierenden würden durch ihr Verhalten andere gefährden, wird oft Dummheit unterstellt. Covidioten beweist das deutlich.

Den Protestierenden wird Repression an den Hals gewünscht und ihre Demonstrationen als Abhub von Schwurblern kasteit. In keinem Augenblick wurde von progressiven Kräften versucht, diese Proteste im fortschrittlichen Sinne zu beeinflussen. Das wäre aber notwendig!Corona hat die Ungleichheit erneut verschärft. Sobald die staatlichen Unterstützungen für die Unternehmen auslaufen und die Kurzarbeit eingestellt wird, es Rekordinsolvenzen und Arbeitslosigkeit geben. Geburtenstarke 1960er-Jahrgänge werden in die Frühpension gedrängt werden.

Zudem ist nicht zu leugnen, dass die Regierung in ihrem Krisenmanagement katastrophale Fehler begangen hat. Die Proteste haben durchaus ihre Berechtigung. Wenn es so aussieht, als wären diese von Schwurbler dominiert, dann auch deshalb, weil nichts entgegengesetzt wurde.Das Volk spricht eine derbe Sprache. Es ist grobschlächtig und ungehobelt. Und es reproduziert ständig jene kapitalistische Hackordnung, unter der es selbst leidet. Doch die Masse des Volkes zu gewinnen, ist die einzige Möglichkeit für gesellschaftliche Veränderung.

Beispiel: Jiletsgaunes in FR. Fortschrittliche Kräfte bemühten sich, die Gelbwesten Proteste progressiv zu beeinflussen. Bis zuletzt blieben auch reaktionäre Positionen vertreten, doch sie bekamen nie die Oberhand. Die Bewegung blieb eine soziale und wurde nicht ethnisiert.Ähnliche Bestrebungen gab es auch im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen in Napoli, IT. Auch dort beteiligten sich soziale Basisgruppen an den Protesten und hielten fortschrittliche Positionen hoch. Infoaut berichtete darüber.

Statt GEGEN die Proteste wäre es deshalb ratsam, UM die Proteste zu streiten. Um soziale Forderung zu verankern und Schwurbler zurückzudrängen. Um die Rechnung für die verdammte Coronakrise, nicht den Armen sondern den Reichen zu präsentieren.

Gregor Sanders, Politologe und Betriebsrat, via Twitter

Foto & Video: Gregor Sanders

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