“Totenkult für einen Diktator”: Dollfuß-Gedenken in Tirol

Vor dem Hintergrund der Kontroversen um das Engelbert-Dollfuß-Museum in Niederösterreich wird deutlich: Das Gedenken an Dollfuß und die austrofaschistische Diktatur von 1934 bis 1938 gehört noch immer zu den großen Baustellen im kulturellen Gedächtnis Österreichs. Aufarbeitung wäre höchst überfällig, denn überall im Land gibt es Erinnerungsorte, die dem Diktatur unkritisch huldigen – so auch in Tirol.

Dollfuß-Kreuz bei Nösslach

Ein prominentes Beispiel ist das Dollfuß-Kreuz hoch über dem Dorf Nösslach, Gemeinde Gries am Brenner: Unweit vom Nösslachjoch befindet sich auf 2.142 Meter Meereshöhe ein rund drei Meter hohes Holzkreuz. Es steht auf dem Gemeindegebiet von Trins und ist dem Gschnitztal zugewandt, vom Tal aus gut zu erkennen.

Zu Ehren der beiden großen Kanzler Ignaz Seipl – Engelbert Dollfuß” ist auf der Tafel eingraviert, ebenso wie das Krukenkreuz, Symbol des Austrofaschismus. Das Kreuz wurde – wie die meisten dieser Art – noch zur Zeit des Austrofaschismus errichtet, ein Jahr nach Dollfuß Tod im Juli 1934. Ortsansässigen ist der Weg 45 von Steinach (Talstation Bergeralmbahn) zum Kreuz noch als “Dollfuß-Weg” bekannt.

Heute sorgt sich Franz Vötter aus Nösslach, dass das Gedenken an Dollfuß erhalten bleibt. Auf seinem Grund steht das Kreuz, das er als “Gedenkstätte” verstanden wissen will, sein Vater hat an der Errichtung mitgewirkt.

Im Gipfelbuch wird das Dollfuß-Regime als antinazistisches Bollwerk gegen Hitler dargestellt: “Durch die Entschlossenheit des Österr. Bundesheeres u. Kanzler Schuschnigg hat Hitler den Einmarsch abgesagt”, heißt es dort. Dass der Austrofaschismus den Nazis den Boden bereitet hat, bleibt unerwähnt.

Die Dollfuß-Huldigung bleibt jedoch nicht unwidersprochen: “11 Antifaschisten waren hier“, lautet ein Eintrag im Gipfelbuch, eine andere Person findet es “bedenklich, wem dieses Kreuz gewidet ist”.

Entwendete Gedenktafel am Tschirgant-Gipfel

Auch an anderen Orten in Tirol stehen Gedenkstätten, die an Dollfuß erinnern sollen, wie etwa das Wegkreuz bei der Walderalm oberhalb von Gnadenwald oder die Marienkapelle in Pettnau. In der Pfarrkirche von St. Jakob in Defereggen (Osttirol) ist Dollfuß im Deckenfresko verewigt.

Bis vor Kurzem war am Tschirgant, dem 2.372 Meter hohen, markanten Gipfel bei Imst, eine Gedenktafel angebracht gewesen. Sie wurde dort mit der Inschrift “Dem Heldenkanzler zum Gedenken” zum 30. Todestag von Dollfuß im Jahr 1984 in den Sockel eingearbeitet. Im Sommer 2017 entfernten Unbekannte die Tafel eigenhändig, was zu heftigen Reaktionen führte. Die Rede war von “schwerer Sachbeschädigung”, die Polizei ermittelte. Die Sportunion, die das Kreuz betreut, kündigte damals an, als Ersatz lediglich eine Infotafel anzubringen.

“Die Tafel ist noch nicht wieder aufgetaucht. Wir haben auf nächstes Jahr ein neues Gipfelkreuz in Planung. Da möchten wir generell eine Geschichtliche Aufarbeitung unseres Gipfelkreuzes machen, und auf einer Infotafel festhalten”, erklärt Michael Köll, neuer Obmann der Sportunion Karrösten, zu InnsbruckNews.

Hintergrund: Angelobung von Karner (ÖVP)

Die Angelobung von Gerhard Karner (ÖVP) aus Texingtal/Niederösterreich zum neuen Innenminister hat schon vorab für Wirbel gesorgt: Neben umstrittenen Aussagen steht die Erinnerungspolitik der Gemeinde, der er als Bürgermeister vorsteht, in der Kritik.

Diese betreibe mit dem Engelbert-Dollfuß-Museum “Totenkult für einen Diktator”, urteilte ein Zeit-Artikel vor einigen Jahren. “Ein Innenminister mit einem unklaren Verhältnis zum Austrofaschismus ist untragbar”, findet daher der Wissenschaftler Lukas Oberndorfer.

Das schwierige Erbe der ÖVP

Engelbert Dollfuß (Christlichsoziale Partei) schaltete bekanntlich 1934 das Parlament aus und errichtete eine faschistische Diktatur. Im Zuge der gewaltsamen Machtergreifung wurden über 350 Menschen getötet. Das Dollfuß-Regime unterdrückte die politische Opposition blutig, ließ 45 Menschen hinrichten und Tausende Andersdenkende einsperren.

Die ÖVP als Nachfolgerin der Christlichsozialen Partei tut sich mit der Abgrenzung von der Dollfuß-Diktatur noch immer schwer: Bis 2017 hing ein Portrait von Dollfuß im ÖVP-Parlamentsklub.

Fotos: Anonym / LPD Tirol / TT
Ergänzt am 7.12.2021, 11:00 Uhr.