▶ Tilg geht, Mattle kommt ▶ Schon vor 20 Jahren “alles richtig gemacht”

Berühmt wurde Bernhard Tilg, ÖVP-Urgestein und seit 13 Jahren in der Tiroler Landesregierung, erst auf den letzten Metern seiner Karriere: Durch den skurrilen Fernsehauftritt im März 2020, bei dem er gebetsmühlenartig wiederholte, die Behörden hätten in Ischgl “alles richtig gemacht”.

Vor zwei Tagen gab Gesundheitslandesrat Tilg seinen Rücktritt und den Rückzug aus der Politik bekannt, am selben Tag verabschiedete sich auch die Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf (ÖVP). Der wiederum folgt Anton Mattle nach, ÖVP-Bürgermeister von Galtür.

Die Volkspartei scheint auf Kontinuität zu setzten: Mattle, seit 1992 Bürgermeister im Paznauntal, hat bereits vor über 20 Jahren “alles richtig gemacht”.

Denn: 1999 starben bei der Lawinen-Katastrophe von Galtür 38 Menschen, da das Tal trotz akuter Lawinengefahr nicht rechtzeitig evakuiert worden war.

Rudolf Mair, damaliger Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes: “Trotz höchster Warnstufe hat die örtliche Lawinenkommission die Straße öffnen lassen. Urlauber durften nicht nur hinaus-, sondern auch ins Tal hineinfahren.”

Der Geograph und Lawinenexperte aus Innsbruck Franz Fliri hatte sich frühzeitig für eine Räumung ausgesprochen – er wurde ignoriert. “Ein vorsichtiges Gemüt hätte angesichts der Schneelage im hinteren Paznaun schon vor Tagen die Räumung veranlasst,” meinte er damals.

Der Bürgermeister von Galtür Anton Mattle war bereits fünf Tage vor der Lawinenkatastrophe von Seiten des Landes gewarnt, lehnten aber eine Evakuierung ab, berichtete die Zeitschrift News.

Die Kritik damals: Aus Profitgründen sei das Lawinenrisiko in Kauf genommen worden – das Millionengeschäft Skitourismus sollte nicht unterbrochen werden.

Politische Konsequenzen gab es keine, Mattle machte weiter Karriere in der ÖVP.

Die Einstellung der Ermittlungen 2001 wurde heftig kritisiert. Grundlage für die Einstellung war ein Schweizer Gutachten. Aber: Selbst die Gutachter:innen waren “erstaunt gewesen, dass die Sache eingestellt wurde”.

Gerhard Baum, ehemaliger deutscher Innenminister wurde deutlich: “Für den, der das Gutachten genau liest, sagt es ganz deutlich, hier sind auch persönlich zurechenbare Fehler gemacht worden, bis in die letzte Minute hinein. In einem Ort, der überflutet war von Touristen, sind die primitivsten Sicherheitsregelungen nicht eingehalten worden und das kann nicht ohne strafrechtliche Sanktionen bleiben.”

Offenbar wollte man nicht genau lesen, das Unglück blieb folgenlos. Und wiederholte sich wohl auch deshalb.

Letztes Jahr sorgte Ischgl europaweit für Schlagzeilen: Über 11.000 Personen infizierten sich dort mit Covid-19, da der Skibetrieb nicht rechtzeitig eingestellt wurde. Rund 30 Tote sollen darauf zurückzuführen sein.

Galtür liegt nur zehn Kilometer von Ischgl entfernt.

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