Runen auf Grabsteinen: Bekenntnisse zur Nazi-Bewegung

Die Lebens- und Todesrunen, die sich noch heute auf zahlreichen Grabsteinen finden, wurden von den Nazis nicht einfach “missbraucht” – sie haben diese Symbole geschaffen, benutzt und verbreitet. Distanz statt Relativierung wäre angebracht.

Die Reaktionen auf den Bericht über Nazi-Symbole auf Grabsteinen in Innsbrucker Friedhöfen folgten zum Teil einem tiefstösterreichischen Reflex, wenn es um die NS-Zeit geht: Alles halb so wild. Die Runen-Symbole seien von den Nationalsozialisten “missbraucht” worden, so wie das christliche Kreuz von Kriegstreibern im Mittelalter und religiösen Fanatikern heute.

Ganz so einfach ist es leider nicht. Denn im Grunde ist es genau umgekehrt.

Die Ursprungsbedeutung hat nichts mit Leben/Tod zu tun

Runen sind Schriftzeichen, die von 200 bis 1400 n. Chr. in Mittel- und Nordeuropa bei verschiedenen dort lebenden, germanisch sprechenden Gesellschaften in Gebrauch waren. Jedem Zeichen entsprach ein Laut, zum Teil auch ein Begriff. Unterschieden wird zwischen einer älteren und jüngeren Runenreihe, auch “Futhark” genannt.

  • Die Elhaz-Rune (ᛉ) stand zunächst für “z” oder “r” und “Elch“, in späterer Schreibweise für “m” und “Mann/Mensch“.
  • Die Y-Rune (ᛣ) gab es erst im älteren Futhark und bedeutete “y” sowie “Bogen“.

Außer ihrer ähnlichen Form hatten beide Runen also weder etwas miteinander, noch mit “Leben” und “Tod” zu tun.

Guido von List: Esoterik, Rassenlehre und viel Fantasie

Um 1900 entwarf Guido von List, ein österreichischer Esoteriker, ein neues Runenalphabet. Von List stand der völkischen Bewegung nahe und gilt als Begründer der Ariosophie, einer spirituellen Rassenlehre:

“List propagierte ‘Rassenreinheit‘ und sah in der ‘Rassenvermischung’ insbesondere mit Jüd:innen eine Erbsünde. [Er] mythologisierte das industrielle Abschlachten der modernen Kriegsführung als heldischen ‘Rassekampf’ und prognostizierte: ‘Es wird der Tag kommen, an dem die gesamte Mischlingsgeburt vom Antlitz der Erde hinweggefegt werden muß.”

Rolf Cantzen: Germanen, Götter und Gelehrte (Dominanzkultur reloaded 2015, S. 65).

Im 1906 erschienenen Artikel “Das Geheimnis der Runen” legte er seine “Einsichten” dar, die er angeblich durch sein “inneres Auge” während einer elf Monate anhaltenden Blindheit gewonnen hatte: Diese “Armanischen Runen” sind in Form und Lautbild lose an überlieferte germanische Runen angelehnt, während Von List ihnen teilweise völlig neue Bedeutungen zuschrieb:

  • Die Elch-Rune wird bei ihm mit “Mann/Mond” übersetzt, und davon abgeleitet zum “geheiligtes Zeichen der Fortpflanzung des Menschengeschlechts”.
  • Die Y-Rune hingegen heißt bei ihm “Bogen”, “Zorn” und “Irren”. Sie ist die, die “Verwirrung schafft”, den Gegensatz zur “Os-Rune” (Geisteskraft) darstellt und daher “das Ende lehrt”.

Grabstein-Runen: Bekenntnisse zur Nazi-Bewegung

Von Lists Schriften übte auf Teile der Nazi-Bewegung großen Einfluss aus. Aber erst die Nazis waren es, die die beiden Zeichen als “Lebens-” und “Todesrunen” deuteten: Die Elch-Rune stand in ihrer Sichtweise für das menschliche Leben, die Geburt, Fruchtbarkeit, die Y-Rune – nun als Gegenteil der Elch-Rune gesehen – für den Tod. Diese Symbolik ist demnach eine genuin nationalsozialistische.

Die Nazis waren es auch, die die beiden Symbole erstmals als genealogische Zeichen zur Kennzeichnung von Geburts- und Sterbedaten verwendeten – um nicht auf das christliche Kreuz zurückgreifen zu müssen. Diese spezielle Verwendungsweise gab es vorher nicht.

Drittens war es die Nazi-Bewegung, die diesen Symbolen gesellschaftliche Relevanz verlieh. War die Beschäftigung mit Runen zunächst ein Hobby kleiner esoterischer Zirkel, so fanden sie erst durch die Nazis in der gesamten Bevölkerung Verbreitung: als Abzeichen für Organisationen (NS-Frauenschaft, Deutsches Frauenwerk, Reichsbund Deutsche Familie) und Funktionen (Sanitäter, Apotheker, Zahnärzte, Tierärzte der SA), auf Todesanzeigen und Grabsteinen.

Ihre Verwendung bei Grabsteinen hatte in den wenigsten Fällen mit spontaner Begeisterung für germanische Runologie zu tun: Es war Ausdruck der Ablehnung des Christentums und – noch viel mehr – ein Bekenntnis zur nationalsozialistischen Bewegung über den Tod hinaus.

Bestandteil rechtsradikaler Symbolwelt

Runen-Zeichen sind heute in esoterischen Kreisen ebenso wie innerhalb von Subkulturen zu finden, beispielsweise in der Metal-Szene. Elch- und Y-Runen – als “Lebens-” und “Todesrunen” gedeutet – sind zwar auch in esoterischen Handbüchern anzutreffen, werden jedoch vorwiegend von neofaschistischen Gruppen verwendet und sind zentraler Bestandteil der rechtsradikalen Symbolwelt.

Klar ist: Diese beiden Symbole – als Einheit von Zeichen und Bedeutung – wurden nicht von Nazis “missbraucht”, sondern sind Produkte nationalsozialistischer Phantasie. Sie können daher nicht losgelöst von ihrem Entstehungskontext betrachtet werden.

Abgesehen von der juristisch eindeutigen Sachlage – sie sind in Österreich verboten – wäre es an der Zeit, sie nicht immer wieder neu in Grabsteine zu meißeln, wie es leider immer noch der Fall ist.

Fotos: Wikipedia / andere Quellen