▶ Mit Kantholz zu Tode geprügelt ▶ Mord an Wolfgang Tschernutter vor 27 Jahren

Es geschah in der Nacht zum 26. Februar, einen Tag vor seinem Geburtstag. Es gibt Menschen, die nicht viel auf diesen Tag geben, andere freuen sich darauf. Oder zumindest über die einen oder anderen netten Worte von aufmerksamen Zeitgenoss:innen. Wolfgang Tschernutter hat seinen 38. Geburtstag nicht mehr erlebt: Da lag er schon auf der Innsbrucker Intensivstation, zusammengeschlagen, lebensgefährlich verletzt, in hochkritischem Zustand. Sechs Tage später, am 4. März 1994, ist er tot.

Der Stadtwanderer

Sein Lebensweg beginnt in Genf in der Schweiz, am Genfer See. Er endet, blutig, unter dem Vordach des Höttinger Hallenbades, Fürstenweg 12. Viel ist nicht bekannt, nur: dass er die Ausbildung zum technischen Zeichner gemacht hat; dass seine Eltern Anfang der 80er nach Innsbruck ziehen; dass er in Genf bleibt, auf der Straße landet, ausgewiesen wird. Er zieht zu seinen Eltern, aber hält es dort nicht lange aus. 1985 bricht er mit seiner Familie und geht wieder auf die Straße.

Er geht viel, wird zum Wanderer: „Kilometerfresser“ wird er genannt, weil er seine Runden dreht, jeden Tag. Er redet nicht viel, bleibt ein Einzelgänger, aber ein interessierter: Setzt sich in Cafés und Unisäle, beobachtet, hört zu. Ein „intellektueller Obdachloser“ ohne richtige Freunde, aber auch ohne Feinde, heißt es in der Zeitung. In Innsbruck ist er als „Stadtindianer“ bekannt, stets mit einer Decke auf der Schulter und einer Umhängetasche unterwegs, immer wortkarg und friedlich, nie unfreundlich. Er ist einer, den die materielle Not nicht bitter gemacht hat.

Rechte Hetze, rechte Gewalt

Die frühen 90er-Jahre sind eine kalte Zeit. Der Realsozialismus ist Geschichte, der Aufbruch der 70er-Jahre verebbt. Seit Jahren schreitet die Haider-FPÖ von Wahlsieg zu Wahlsieg, fordert in ganzseitigen Anzeigen „Tirol den Tirolern“, treibt die anderen Parteien vor sich her. Über 400.000 unterschreiben das Volksbegehren „Österreich zuerst“, die Medien sind voll von Berichten über Drogendelikte und Jugendkriminalität. Innsbrucker Lokalpolitiker hetzen gegen „Punker“, „Giftler“ und „gewalttätige Sandler“, der ÖVP-Bürgermeister spricht von einer „unerträglichen Stadtplage“, ein FPÖ-Gemeinderat fordert ihre „Entfernung mit Putz und Stingl“.

Zwei Jugendliche, 14 und 15 Jahre alt, auf dem Heimweg. Sie kennen Tschernutter, den „Kartoffelsalat“, wie sie ihn abschätzig nennen; wollen ihn „tratzen“, wie sie sagen. Sprich: Mit Bierdosen und Steinen bewerfen, wie sie es schon öfter gemacht haben. Sie finden ein Vierkantholz, ein Meter lang. „Das Opfer hatte gar keine Chance, es schlief und hat sich nicht gewehrt“, wird der Staatsanwalt festhalten. Prellungen, mindestens drei Schläge auf den Hinterkopf: Schädel-Hirn-Trauma, Schädelbasisbruch. „Die Summe aller Hiebe war tödlich“, so der Gutachter.

Fehlgeleitete Buben?

Die beiden Jugendlichen werden noch in der Nacht in der Nähe des Tatortes verhaftet, später verhört. Beim Lokalaugenschein waren sie „cool“, schreiben die Zeitungen, und ohne Reue: „Die Vernehmungen waren sehr schwierig, und man bemerkte keine Betroffenheit“, so die Kriminalpolizei. Einer der beiden hatte Kontakte in die rechtsradikale Szene, mehrmals erklärte er in rechtem Jargon: „Die Wehrunfähigen gehören weg.“

„Das würde euch so passen“, heißt es zum zweiten Jahrestag der Bluttat in einer Underground-Zeitschrift, „die Mordtat zweier Buben damit zu erklären, daß sich einer der beiden an einer Reichskriegsflagge aufgegeilt hat. Der ‚arme, fehlgeleitete Bua!‘ Aber ihr wißt genau, was und vor allem wer Wolfgang Tschernutter hingerichtet hat. Kein Hakenkreuz, keine Hitlerei. Es sind jene Kräfte, die ein Klima schaffen, in welchem die Tötung eines gesellschaftlich Geächteten als denkbare Alternative erscheint, sich eines ‚Problems‘ zu erledigen.“

Getötet von einem Kantholz, ermordet durch rechte Hetze: Am 8. März wird Wolfgang Tschernutters Urne am Westfriedhof beigesetzt: Grabfeld UH-2, Grab 57. Im Juni werden die beiden Jugendlichen wegen Mordes zu neun und achteinhalb Jahre Haft verurteilt.

Ein Mahnmal gegen Rechtsextremismus

Anfang Juli wird die vom Künstler Alois Schild und durch Spendengelder finanzierte Stahlskulptur neben der Annasäule enthüllt, sie symbolisiert „den gewaltsamen Tod eines Menschen, erdrückt von schwerem Metall und getroffen von vernichtenden Waffen“.

Das „antifaschistische Denkmal“ soll „ein Mahnmal sein gegen das Vergessen, gegen Rechtsextremismus, gegen den industriellen Umgang mit Minderheiten, gegen AusländerInnenhetze, gegen eine verfehlte Sozialpolitik und gegen Vertreibung von Menschen, die ein ‚sauberes Stadtbild‘ stören könnten“, heißt es in der Presseaussendung der Initiativgruppen. Zwei Tage später lässt die Stadt das Mahnmal entfernen.

Eine Einigung erzielen die Initiator:innen erst nach monatelangem Hickhack, im Dezember wird das Denkmal am heutigen Standort auf der Franz-Gschnitzer-Promenade hinter der Universität im Beisein von Vertreter:innen der Stadt der Öffentlichkeit übergeben.

Tschernutter ist, nach dem Tod des Widerstandskämpfers Ernst Kirchschläger in Wien 1965, das zweite Todesopfer rechtsradikaler Gewalt in Österreich nach 1945. Der 26. Februar ist seitdem ein lokaler Gedenktag: in Erinnerung an den Mensch Wolfgang Tschernutter; in Gedenken an die Opfer rechter Gewalt und Hetze; als Mahnung für die Gegenwart.

Rechte Gewalt bleibt ein aktuelles Thema: Vor einem Jahr, am 19. Februar 2020, tötete in Hanau in Hessen ein Rechtsextremer bei einem Anschlag zehn Menschen.

Auch heuer – 27 Jahre nach der Ermordung Tschernutters – findet am Freitag, 26. Februar eine Gedenkveranstaltung statt.

Link: Gedenkveranstaltung am 26. Februar 2021
Liste der Opfer rechtsextremer Gewalt in Österreich bis 2000 / ab 2000

Fotos: Redaktion / TT / Kurier / Subkulturarchiv / Alois Schild