Ischgl und der Katastrophenkapitalismus

Ischgl steht für Profitgier, Seilschaften und Behördenversagen. Aber Ischgl war nicht die erste menschengemachte Katastrophe im Tourismus-Hotspot Tirol. Der Fehler liegt im System.

Es ist Februar. Hochsaison in Tirols Wintersportgebieten, so auch im Paznauntal. Wie jedes Jahr sind tausende Skitourist*innen auf den Pisten unterwegs, vergnügen sich in den Discos und Saunen von Ischgl, Galtür und Kappl. Auch geschneit hat es. Nur aufhören will es nicht, meterhoch türmen sich die Schneedecken im gesamten Alpenraum. Immer wieder muss die einzige Zufahrtsstraße ins Tal gesperrt werden, zuletzt eine ganze Woche lang. Am Samstag, den 13., wird sie endlich für ein paar Stunden geöffnet – in beide Richtungen. Während die einen abreisen, strömen tausende neue Gäste in das Gefahrengebiet. Die Straße wird für die nächsten zwei Wochen unpassierbar bleiben.

Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

In den nächsten Tagen spitzt sich die Situation weiter zu, der Skibetrieb teilweise lahmgelegt. Bundeswehr-Hubschrauber versorgen die eingeschlossenen Dörfer aus der Luft. Und während anderswo die Reißleine gezogen wird – Hinterhornbach schickt alle Feriengäste am 21. heim –, wird im Paznauntal eine Evakuierung nicht einmal angedacht. Wer raus will, muss um einen Platz im Privathelikopter kämpfen. Dann passiert es: Am 23. Februar löst sich eine gewaltige Lawine vom Westhang über Galtür, prescht sechs Meter hoch durch das Dorf, überrollt zahlreiche Häuser und verschüttet 50 Menschen. 31 können nur noch tot geborgen werden. Am nächsten Tag trifft es die Nachbardörfer Valzur und Mathon, 19 werden verschüttet, sieben Menschen sterben. In einer gewaltigen Evakuierungsaktion via Hubschrauber werden Helfer*innen eingeflogen und Verletzte und Tote geborgen. Es ist das Jahr 1999. Das Lawinenunglück von Galtür, das schwerste in Österreich seit 1954, bleibt vielen ein Leben lang in Erinnerung.

Kritik verhallte – wie so oft

„Trotz höchster Warnstufe hat die örtliche Lawinenkommission die Straße öffnen lassen“, kritisierte Rudolf Mair, damaliger Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes. „Urlauber durften nicht nur hinaus-, sondern auch ins Tal hineinfahren.“ Und Franz Fliri, Geograph und Lawinenexperte aus Innsbruck, ergänzte nach den Ereignissen: „Ein vorsichtiges Gemüt hätte angesichts der Schneelage im hinteren Paznaun schon vor Tagen die Räumung veranlasst.“ Er verwies auf die historischen Daten: In Galtür kamen in den vergangenen 500 Jahren bei 13 Abgängen 57 Menschen ums Leben. Das letzte Mal ging 1967 eine Lawine auf das Dorf nieder. Strafrechtliche Konsequenzen gab es nach der Lawinenkatastrophe keine, alle Verfahren wurden 2001 eingestellt. Und dennoch: Das Unglück hätte vermieden werden können.

Die Geschichte wiederholt sich

21 Jahre später. Es ist wieder Februar. Hochsaison im Paznauntal. In Norditalien breitet sich ein neuartiges Virus aus, Gemeinden werden unter Quarantäne gestellt, die Nachrichten überschlagen sich, die Todeszahlen steigen täglich. Das, was Liftbetreiber, Behörden und Politiker*innen nun tun werden, ist gerade Gegenstand von Ermittlungen. Doch klar ist schon jetzt, dass aus den Fehlern vor zwei Jahrzehnten nichts gelernt wurde, im Gegenteil – die Verantwortlichen fahren den Wagen mit Vollgas an die Wand: Abreisende aus Südtirol werden angeworben, in Nordtirol den Resturlaub zu verbringen; Corona-Verdachtsfälle werden nicht beachtet, bestätigte Fälle vertuscht, Warnungen aus dem Ausland ignoriert; die Nachverfolgung von Kontaktpersonen erfolgt kaum, das Ansteckungsrisiko wird kleingeredet; selbst die Quarantänierung der Wintersportorte endet im Chaos. Die Bilanz aus heutiger Sicht: Ischgl wird zum Corona-Hotspot Österreichs, zum Superspreader Europas. Es gibt knapp 4.300 Geschädigte, 27 Tote und mehr als 100 Personen, die im Krankenhaus wegen COVID-19 Infektionen behandelt werden mussten.

Die Welt der Pistenkapitalisten

Die Tiroler Bergwelt hat sich im vergangenen Jahrhundert massiv gewandelt: Die Südtiroler Talsohlen, früher vielfältig landwirtschaftlich genutzt, sind heute eine durchrationalisierte monokulturelle Freiluftfabrik für Äpfel und Trauben, die einstigen Nordtiroler Bergdörfer freizeitindustrielle Naturverwertungskonglomerate. Der Bauer, der auf seiner Wiese einen Schlepplift für die Kinder installierte, ist heute Seilbahnmiteigentümer, Hotel- oder Skischulenbesitzer, in vielen Fällen alles gleichzeitig, im seltenen Fall ist er noch Bauer. Die Bergidylle ist Fake, Produkt der Marketingabteilungen, und verdeckt nur spärlich den beinharten Konkurrenzkampf der Wintersportgebiete und die völlige Unterwerfung der Betriebsplanung unter das Diktat der Profitmaximierung. Kritik wird, damals wie heute, mundtot gemacht, früher vom Dorfkaiser, heute von den Pistenkapitalisten.

Vom Massen- zum Katastrophentourismus

Irgendwann stößt jedes auf unendlichem Wachstum beruhendes System auf seine Grenzen, so auch das kapitalistische. Irgendwann ist selbst der Massentourismus zu wenig, um die Dividenden konstant hoch zu halten. Irgendwann werden auch jene Gebiete verbaut, die in geologischen Gefahrenzonen liegen; werden Hänge erschlossen, die in Naturschutzgebieten liegen und ganze Bergkuppen gesprengt, um Skigebiete zusammenzulegen; irgendwann werden Warnungen vor gefährlichen Schneelagen ignoriert und hochansteckende Krankheitsausbrüche verschwiegen. Das ist der Punkt, an dem selbst die größten Risiken für Ökosysteme, Arbeiter*innen und Konsument*innen in Kauf genommen werden, um das endlose Rad der Profitmaximierung nicht zu unterbrechen. Der Punkt an dem das System selbst katastrophal wird, weil es Katastrophen generiert, die es sonst in der Form nicht gegeben hätte.

Es muss Konsequenzen geben

Zwischen Galtür und Ischgl liegen gut zwanzig Jahre und knapp zehn Kilometer. Beide Orte stehen für eine Katastrophe, die vermeidbar gewesen wäre. Für Fehler, die gemacht wurden und eine kapitalistische Rationalität, die stets im Hintergrund mitschwingt, aber schwer greifbar ist. Es heißt, die Geschichte wiederholt sich immer zweimal – zuerst als Tragödie, dann als Farce. Treffender lässt sich das Geschehen in Galtür und Ischgl wohl nicht einordnen. Dass es diesmal Konsequenzen geben muss steht außer Frage. Aber selbst Verurteilungen wären nur Bauernopfer, wenn sich die Tourismusindustrie nicht ändert. Deswegen kann Ischgl nicht der Justiz überlassen werden. Der Druck muss von der Straße kommen: Bettenwechsel am Samstag und am Sonntag das System!

Anonym

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