Hitler-Eiche im Hofgarten: “Geburtstagsgeschenk an den Führer”

Im Innsbrucker Hofgarten steht ein Eichenbaum, der 1939 von Nazi-Anhängern am Geburtstag Adolf Hitlers “als Geburtstagsgeschenk” gepflanzt worden war. Auch an anderen Orten in Tirol gibt es Hitler-Eichen – kaum jemand kennt ihre Geschichte.

Der Aufstieg der Nazi-Bewegung wäre ohne ihre Kulturpolitik nicht denkbar gewesen: Sie erlangte die gesellschaftliche Hegemonie nicht nur durch Gewalt und Zwang, sondern auch mithilfe ihrer Bildsprache und kulturellen Praxis. Eines dieser Rituale zur Beeinflussung des Alltags- und Kulturlebens war das Pflanzen von Gedenkbäumen.

Die Verklärung des “deutschen Waldes” im 19. Jh.

Freilich waren die Nazis nicht die ersten, die den Mythos des “deutschen Waldes” bedienten. Seine pathetische Beschwörung begann im 19. Jahrhundert durch die deutsche Nationalbewegung, die im Wald ein Symbol für nationale Einheit und Freiheit sah.

In einer Zeit des Umbruchs (industrielle Revolutionen in England, politische in Frankreich) griffen deutsche Schriftsteller auf Motive der Natur zurück. Der Stadt – Sinnbild des Wandels, der Entfremdung und Rationalität – wird der Wald als Ort der Natürlichkeit, Ursprünglichkeit und Harmonie gegenübergestellt.

Im Zuge der nationalen Einigung des Deutschen Kaiserreichs im Zeitalter des Imperialismus begannen seine Fürsprecher, Bäume zu Ehren bedeutender Persönlichkeiten zu pflanzen: Bismark- und Kaiser-Eichen für Reichskanzler Otto von Bismark und Kaiser Wilhelm I., Luther-Eichen für Martin Luther.

Der Wald bei den Nazis: Symbol für das “deutsche Volk”

Die Nazis knüpften am national-liberalen Diskurs ihrer Vorgänger an und setzten ihn antisemitisch und national-autoritär gewendet fort. Der “Wald” stand bei ihnen für das “deutsche Volk”, für das übergeordnete Ganze der “Volksgemeinschaft”, der sich die Einzelnen eingliedern müssen.

Dem “deutschen Wald-Volk” wurde das “jüdische Wüsten-Volk” gegenübergestellt. Reichsmarschall Herrmann Görin hetzte:

“Wenn wir [Deutschen] durch den Wald gehen, erfüllt uns der Wald mit einer ungeheuren Freude an Gottes herrlicher Natur. Das unterscheidet uns von jenem Volke, das sich auserwählt dünkt und das, wenn es durch den Wald schreitet, nur den Festmeter berechnen kann.”

Im monumentalen NS-Propagandafilm “Ewiger Wald”, der 1936 in den deutschen Kinos lief, wurde die Gleichsetzung von “Volkskörper” und Wald bildgewaltig in Szene gesetzt: Die Baumstämme stehen “akkurat wie Soldat an Soldat”, heißt es im Dokumentarfilm.

Bäume, vor allem Eichen, wurden von den Nazis nun für Adolf Hitler gepflanzt, den “Führer des Deutschen Reiches”:

  • Meist erfolgen die von den Parteiorganisationen und der Bevölkerung festlich gefeierten Baumpflanzungen an Hitlers Geburtstag am 20. April.
  • Auch der 1. Mai, von den Nazis zum Feiertag erklärt, bot Anlass für diese Feierlichkeiten.
  • Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin erhielten die Sieger einen Eichen-Setzling, die sogenannten “Olympia-Eichen“, die sie in ihrer Heimat einsetzen sollten.
  • In Österreich wurden nach der Volksabstimmung über den “Anschluss” Österreichs an Hitlerdeutschland am 10. April 1938 in allen “Führer-Gemeinden“, in denen geschlossen dafür gestimmt worden war, “Führer-Eichen” gepflanzt.

Hitler-Eichen in allen “Führergemeinden” Tirols

Auch in Tirol kam es zu zahlreichen festlich begangenen Baumpflanzungen zu Ehren Hitlers, hauptsächlich im Zusammenhang mit der Volksabstimmung 1938. Im Tiroler Sonntagsblatt hieß es damals:

“In allen ‘Führergemeinden’ Deutschösterreichs, das sind jene Gemeinden, die hundertprozentiges Wahlergebnis [für Hitlerdeutschland] aufweisen konnten, wurden zum ehrenden Gedenken Eichen gepflanzt, die den Namen des Führers tragen. Im Verbreitungsgebiet des ‘Unterland’ sind dies die Gemeinden Buchberg bei Ebbs, Mariastein, Alpbach, Brandenberg, Münster, Rattenberg, Hopfgarten-Land, Itter, Going, Jochberg, Oberndorf, St. Jakob, St. Ulrich und Schwendt.”

Weitere Berichte liegen aus Aldrans, Schmirn, Wörgl und Oetz vor. Der Bericht aus Schmirn unweit des Brennerpasses gibt Eindruck vom Ablauf solcher Feiern:

Am Sonntag … fand in Schmirn die Pflanzung der Adolf-Hitler-Eiche statt. An der Feier nahmen eine starke Abteilung der SA von Steinach, Stafflach, St. Jodok-Schmirn, sowie der HJ und BDM von St. Jodok-Schmirn und die Schuljugend teil. … Um 9.30 Uhr begaben sich die Abteilungen unter Vorantritt der Musikkapelle Schmirn zum Kriegerdenkmal, wo als Heldenehrung ‘Der gute Kamerad’ gespielt wurde. Darauf marschierten alle wieder zum Festplatze zurück. Nun trug ein achtjähriger HJ-Junge in schneidiger Form ein Gedicht vor, in dem unserem Führer für sein großes Werk gedankt wurde. Darauf hielt Pg. Dr. Hautz mit feurigen Worten die Festrede. … Nun folgte die Pflanzung der Geburtstagseiche unter feierlicher Musikbegleitung. … Zum Schlusse fand die besonders strammen Defilierung der ausgerückten Formationen statt.

Einige Hitler-Eichen wurden gefällt oder sind abgestorben, andere gedeihen heute noch: In Wörgl etwa stehen die in der NS-Zeit gepflanzten Hitler-Eichen vor dem Eingang der Mittelschule 1 in der Franz-Stumpf-Straße.

Hofgarten Innsbruck: Eine fünfjährige Eiche für Hitler

Auch in Innsbruck wurden die NSDAP-Anhänger aktiv, um den Führer “in einer innigen Weise” zu ehren. In einem Zeitungsbericht vom 22. April 1939 heißt es:

“[Der Hofgartenverwalter] ließ nämlich aus dem Amraser Schloßpark eine fünfjährige Eiche in den Hofgarten verpflanzen, auf einem Platz, der Gewähr dafür bietet, daß hier aus dem schwachen Stämmlein nach Jahrzehnten ein mächtiger, starkter, knorriger Eichbaum wird. Das Täflein mit der Inschrift: ‘Diese Eiche wurde am 20. April 1939 anläßlich des 50. Geburtstages unseres Führers gepflanzt’ wird später durch eine Tafel – wahrscheinlich einen Steinblock – vertauscht [d. h. ausgetauscht] werden.”

Laut Hofgarten-Mitarbeiter gibt es heute nur einen Baum im Hofgarten, auf den diese Beschreibung passt: die Stiel-Eiche nördlich vom Musikpavillon, direkt neben dem Springbrunnen. Sie ist über 80 Jahre alt und steht an einem prominenten Platz, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass es sich um die im Bericht erwähnte Hitler-Eiche handelt. An den markant eingekerbten Eichenblättern ist der Baum gut zu erkennen.

Going: Mit der Axt gegen das Führer-Symbol

Nicht überall stießen die neu gepflanzten Hitler-Bäume auf Zustimmung. In Going bei Kitzbühel schritt Peter Rettenwander 1938 zur Tat: Während sich die Wehrmachtssoldaten im Wirtshaus betranken hackte er das Bäumchen kurzerhand mit der Axt um. Allen energischen Nachforschungen zum Trotz blieb Rettenwander unentdeckt, erst Jahrzehnte später wurde der Hintergrund der Aktion bekannt.

2017 wurde enthüllten die Schützen eine Gedenktafel in Erinnerung an Rettenwander, mit einer freilich höchst problematischer Formulierung: Die Nazi-Bewegung wird dort als “Besatzer” bezeichnet, die aktive Rolle der Österreicher:innen völlig unterschlagend. Von der Anbringung der Tafel am Kriegerdenkmal wurde schlussendlich abgesehen.

Entfernung oder Gedenken?

Die vor allem im Deutschen Reich gepflanzten Hitler-Eichen sorgen, so sie bekannt sind, immer wieder einmal für Kontroversen. Ein angemessener Umgang scheint nicht einfach – während wie in Winterthur in der Schweiz Rufe nach der Fällung der Bäume laut werden, nutzen andere Gemeinden die stummen Zeugnisse aus verganener Zeit, um sie zu Orten des Gedenkens für Opfer und Gegner:innen des NS-Regimes zu machen. In Tirol wurde bislang nichts unternommen: Die Geschichten der Bäume waren verdrängt worden – bis heute.

Fotos: Wikipedia / Anno / Arge NS Zeit / Anonym