Femizide: Die Gewalt der romantischen Zweierbeziehung

Es vergeht kaum eine Woche ohne Schreckensmeldung: Wieder eine Frau tot. Getötet von einem Mann, der meist ihr Partner war oder den sie gut kannte.

Ja, toxische Männlichkeit, Macho-Habitus und patriarchale Sozialisation sind eine wesentliche Ursache dafür. Und ja, die mediale Berichterstattung ist leider noch immer von Verharmlosung und Schuldumkehr geprägt.

Dennoch greift der Slogan “Man tötet nicht aus Liebe” zu kurz: Er ignoriert, dass auch die Vorstellungen, wie Menschen miteinander in Beziehung treten, von Gewalt durchzogen sind.

Seit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert hat das Modell der romantischen Zweierbeziehung (RZB) zwar viele Wandlungen durchgemacht, im Wesentlichen ist es jedoch beständig geblieben – und noch immer die Norm: Zwei Menschen, die Liebe fürs Leben.

Mareike Fritz macht vier Merkmale dieses Modells aus: Dauerhaftigkeit, Einzigartigkeit, Ehe und Familie, Exklusivität. Sie alle sind ohne Gewalt nicht zu haben.

  • Die Vorstellung, dass eine Partner:innenschaft das ganze Leben halten muss geht vielfach mit Unterordnung und Selbstverleugnung einher. Und dies wird auch vom Gegenüber eingefordert, notfalls mit Nachdruck.
  • Die Idee, es gäbe “den Mann fürs Leben”, “die Richtige”, die eine, auserwählte Person, führt nicht nur zu völlig überhöhten und unerfüllbaren Ansprüchen, sie endet schnell in einer Alles-oder-Nichts-Situation: Wenn die Partnerin die einzig Wahre ist, dann ist jedes Mittel recht. Die (Selbst-)Tötung ist aus dieser Perspektive der ultimative Liebesbeweis – der junge Werther lässt grüßen.
  • Die Meinung, die Liebe erfülle sich in Ehe und Kindern ist ohne patriarchale Vorstellungen kaum zu haben; sie impliziert zudem den Zwang zum Kinderkriegen, unabhängig von den Wünschen des Gegenübers: Wenn Liebe Kinder bedeutet, hat der geliebte Partner Anspruch darauf. Und damit Zugriff auf den Körper der Partnerin.
  • Mit der emotionalen und sexuellen Exklusivität sind “besondere Rechte bezüglich des Körpers der Partnerin_des Partners” verbunden, so Fritz. Zugriffsrechte, Eigentumsrechte: Die Hingabe ist Verpflichtung, der Körper Besitz. Und dieser muss kontrolliert, überprüft, verteidigt werden: Denn du gehörst mir.

Die romantische Liebe und die damit verbundenen Beziehungsnormen sind Teil des Problems. Statt sie als naturgegeben zu akzeptieren sollten sie zur Debatte gestellt werden.

Das Ziel ist nicht die Verteufelung der Liebe. Eine andere, freie Liebe ist nötig: eine Beziehungsweise, die die Bedürfnisse der involvierten Personen zum Maßstab macht – und respektiert, wenn sich diese ändern; die vom Prinzip der Selbstbestimmung über Körper und Leben ausgeht; die Vielfalt als notwendiges Resultat von individueller Selbständigkeit anerkennt.

Ob monogam, offen, poly – welche Form sich eine solche Liebe gibt, liegt im Ermessen der Liebenden.

Insofern ist der Slogan “Man tötet nicht aus Liebe” doch wieder zutreffend: Als Kampfansage an Liebesvorstellungen, die von Gewalt durchzogen sind und diese produzieren.

Andi Frantz, Innsbruck

Quellen: https://www.momentum-kongress.org/…/2020/2_p_fritz.pdf

Dieser Text gibt die Meinung der Person/en wider, die ihn verfasst hat/haben.
Leser:innenbeiträge bitte via Facebook oder an ibknews@riseup.net!