▶ Corona-Demos in Innsbruck: Kommt die zweite Welle?

“Winter is coming”, das gilt nicht nur fürs Wetter – die schneebedeckte Nordkette lässt grüßen -, sondern auch für die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie. Der Herbst brachte erneute Einschränkungen, die vielfach auf Ablehnung stoßen, wie etwa die Sperrstunde um 22 Uhr. Und weitere Maßnahmen sind geplant, wie der Standard berichtet.

Die Unzufriedenheit wächst

Gleichzeitig geht die allgemeine Zustimmung zur Corona-Politik der türkis-grünen Regierung immer weiter zurück. Umfragen bestätigen, was ein Blick in die Sozialen Medien, etwa in den Kommentarbereich des Facebook-Accounts des Landes Tirol, erahnen lässt: Waren Ende März noch 91 % der Befragten der Meinung, dass die Regierung richtig mit der Krise umgeht, sind es jetzt nur noch 53 %, wie das Gallup-Institut feststellt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits sind es Ermüdungserscheinungen, andererseits sind die Probleme hausgemacht – Stichwort Corona-Ampel. Verstärkt finden jetzt auch jene Gehör, die den Maßnahmen von Anfang an skeptisch gegenüber standen.

Die erste Welle ist verebbt

Doch auf der Straße ist es erstaunlich ruhig, auch in Innsbruck. Im Mai hatten noch hunderte Corona-Skeptiker*innen gegen die Regierungsmaßnahmen protestiert. Insgesamt sechs Mal demonstrierten sie gegen Masken- und Impfpflicht, gegen Bill Gates und 5G. Bei der letzten Demo im August war es nur mehr ein kleines Häuflein, kaum mehr als zwei Dutzend. Die erste Welle der Skepis und des Verschwörungsglaubens ist in der allgemeinen Urlaubsfreude sang- und klanglos verebbt.

Im Hintergrund aktiv

Doch wer glaubt, damit hätte sich das Problem erledigt, der täuscht sich. Die Skeptiker*innen sind nach wie vor aktiv und radikalisieren sich zunehmend. Zwar hat sich Sophie Royer, Inhaberin der Bioläden “Sophie’s Biowelt”, und treibende Kraft hinder den Demos, mit Juni aus der ersten Reihe zurückgezogen. Im Hintergrund ist sie jedoch weiter aktiv, organisierte die Demo-Infrastruktur (Lautsprecheranlage und Spendensammlungen) und nutzt ihre zahlreichen On- und Offline-Kontakte für Anti-Corona-Propaganda. In letzter Zeit kommt diese immer häufiger aus dem rechten Eck: Donald Trump, der die Gefahr kleinredet; Herbert Kickl (FPÖ), der der Regierung Angstpolitik vorwirft; Gerald Grosz (Ex-BZÖ), der den Schwedischen Weg lobt; Michael Schnedlitz (FPÖ), der sich im Parlament über den “Corona-Wahnsinn” auslässt – das Facebook-Profil von Royer lässt tief blicken.

Quelle: Facebook

Von Rechts bis Links…

Royer war es auch, die im Mai auf Facebook- und Telegram-Gruppen eingerichtet hat, um die Demoteilnehmer*innen zu organisieren. Derzeitiger Stand: 570 bzw. 260 Mitglieder haben die beiden Facebook-Gruppen, 70 bzw. 60 sind es auf Telegram. Rechte und Linke, Esoteriker*innen und Patriot*innen, die “große Corona-Verschwörung” eint Personen aus den unterschiedlichsten Lagern. Auffällig für Innsbruck: Die Demoteilnehmer*innen kommen überwiegend aus dem alternativ-esoterischen Milieu. Das macht sie anschlussfähig für Personen wie Mario König (Tierrechte für unsere Zukunft), Wolfgang Sinz (MUT Tirol) oder Thomas Schwärzler (Kost-Nix-Laden), die auf Demos und in den Gruppen aktiv sind.

Esoterik aus dem Bio-Laden

Es zeigt auch, dass die esoterische Szene von den Linken viel zu lange toleriert worden ist. “Sophie’s Biowelt” galt lange Zeit als erste Adresse für biovegane Ernährung, trotz der dubiosen Geschäftspraktiken mit vermeintlichen Heilprodukten, trotz Vorträge über “energetisiertes Aktiv-Wasser” und Smartphones, die Elektrosmog in “Vitalenergie” umwandeln. Die “biologisch-dynamische Landwirtschaft”, die auf den Esoteriker Rudolf Steiner zurückgeht und Präparate mit “kosmischer Energie” einsetzt, ist mit Marken wie Demeter, Weleda und Alnatura und den Ketten DM und Denn’s fest im Biosegment verankert. Heilströmen-Workshops in der Bäckerei und Diskussionsrunden zu Spiritualität im FrauenLesbenZentrum, wie auf EMRAWI dokumentiert ist, zeigen wie verantwortungslos mit dieser Problematik umgegangen wird. Vom Glauben an übernatürliche Energien zur der Gewissheit, Bill Gates sei das Mastermind hinter der Corona-Krise, ist es ein kurzer Weg. Die Leugnung von Wissenschaft und Rationalität trägt braune Blüten – Antisemistismus und Rassismus sind unter den Corona-Skeptiker*innen weit verbreitet.

Die Kritik nicht den Rechten überlassen

Die neuen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie, die sinkende Zustimmung und die organisierten Corona-Skeptiker*innen lassen befürchten, dass in nächster Zeit auch eine zweite Corona-Verschwörungswelle auf uns zurollt. Zwar hat sich die Innsbrucker Gruppe mit ihrem allzu deutlich zur Schau gestellten Eso-Getue (“Bringt Rasseln und Trommeln mit!”) selbst an den Rand manövriert; es kann aber schnell passieren, dass andere, rechte Gruppen auf den Zug aufspringen, wie es zuletzt die FPÖ in Wien versucht hat. Die Linke – ob parlamentarisch oder außerparlamentarisch – täte gut daran, die Thematik endlich offensiv anzugehen: Und das heißt einerseits, die Kritik an der Corona-Politik nicht den Rechten zu überlassen (Ansatzpunkte gibt es genug: Profitinteressen, Klassendimension, Überwachung, soziale Folgen), und andererseits die sich immer weiter ausbreitende Esoterik als soziales Problem zu sehen. Noch ist es ruhig – aber der Winter steht vor der Tür.