28 tote Frauen: Die Familie, ein gefährlicher Ort

Am vergangenen Freitag hat ein 59-jähriger in Innsbruck seine 50-jährige Ehefrau mit einem Messer attackiert und tödlich verletzt. Es war der zweite Mord an einer Frau in Tirol in diesem Jahr.

Österreichweit kamen zwischen Januar und November 28 Frauen durch Gewalt ums Leben, in nahezu allen Fällen waren die Täter männlich und stammten aus dem unmittelbaren Umfeld der Frauen. 1)

Femizide sind aber nur die Spitze des Eisbergs.

Dramatische Zahlenlage

Als Femizid wird die vorsätzliche Tötung einer Frau durch einen Mann aufgrund ihres Geschlechts, das heißt aufgrund vermeintlicher “Verstöße” gegen soziale Rollenvorstellungen bezeichnet.

Weitere 51 Fälle von versuchtem Mord oder schwerer Gewalt an Frauen wurden laut Vereinigung der Autonomen Frauenhäuser (AFÖ) medial bekannt. Viele dieser Frauen erlitten schwere bis lebensgefährliche Verletzungen. Sie überlebten zum Teil durch Glück das Anzünden des Hauses, den Angriff mit einer abgebrochenen Bierflasche, die Schläge mit der Axt, die Stiche mit dem Messer. 2)

Österreichweit werden jährlich rund 10.000 Fälle von Gewalt in der Familie durch die Polizei erfasst und an die Gewaltschutzzentren gemeldet, in den meisten Fällen aufgrund eines ausgesprochenen Betretungsverbots einer Wohnung. Im vergangenen Jahr waren es 11.495 Fälle, insgesamt 20.587 Betroffene von familiärer Gewalt wurden durch Gewaltschutzzentren in diesem Zeitraum beraten.

Vielfach waren dies Frauen und Mädchen: 91 % der Gefährder:innen waren männlich, 82 % der Betroffenen weiblich, das sind 9.425 von 11.495 der gemeldeten Fälle. 3)

In den Jahren 1997 bis 2019 wurden österreichweit 229.066 Meldungen über polizeiliche Interventionen bei familiärer Gewalt erfasst. Die Dunkelziffer liegt wie so oft weit höher – eine dramatische Situation.

Die Ursachen: Rollenbilder & Beziehungsmodelle

Obige Grafik zeigt, dass wir es mit einem systematischen Zusammenhang zu tun haben: Zwar sind auch Männer von Gewalt durch Frauen betroffen, im weitaus größten Teil der Fälle ist es jedoch umgekehrt: Gewalt geht von Männern aus, betroffen sind Frauen.

Wie bei vielen Formen von Gewalt liegt das Problem darin, dass die Täter:innen in einer Konfliktsituation keine Handlungsalternative kennen – und die Lösung in gewalttätigem Handeln sehen.

Dass dies bei Männer viel häufiger der Fall ist hat mit ihrer Sozialisation und die Anpassung an patriarchale Rollenbilder zu tun: Aggression ebenso wie körperliche Auseinandersetzungen werden seit Kindesbeinen an als “typisch männlich” angesehen, als “natürlich” verharmlost und toleriert. Auf der anderen Seite ist das Reden über emotionale Probleme stigmatisiert, oft mit einem homophoben Unterton.

Aber auch die gesellschaftlich dominanten Beziehungsmodelle – monogame Zweierbeziehung, romantische Liebe, traditionelle Familie – sind seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert patriarchal geprägt. Mit der Entwicklung vom Patriarchat zur Partnerschaft hat sich ihr gewaltförmiger Charakter zwar abgeschwächt, verschwunden ist er jedoch noch lange nicht.

Ausfinanzierung von Gewaltschutz und Prävention gefordert

Zur Bekämpfung der weitverbreiteten Gewalt an Frauen fordern Initiativen und soziale Gruppen die Ausfinanzierung der Gewaltschutzeinrichtungen und die Förderung von Präventionsarbeit. Hilfe für Betroffene und Täter:innen gibt es unter diesen Nummern:

  • Frauenhelpline 0800 / 222 555 (Mo–So, 0–24 Uhr, kostenlos)
  • Frauen gegen Vergewaltigung 0512 / 574416
  • Frauenhaus Tirol 0512 / 342112
  • Männernotruf 0800 / 246 247 (Mo–So, 0–24 Uhr, kostenlos)
  • Männerinfo 0800 / 400 777 (Mo–So, 0–24 Uhr, kostenlos)

Am 25. November 2021 findet in Innsbruck anlässlich des internationalen Tages gegen genderbasierte Gewalt und im Rahme der 16 Tage gegen Gewalt an Frauen eine Demonstration statt.

Quellen:
1) https://www.aoef.at/images/04a_zahlen-und-daten/Frauenmorde_2021_Liste-AOEF.pdf
2) https://www.aoef.at/images/04a_zahlen-und-daten/Mordversuche_SchwereGewalt_2021_Liste-AOEF.pdf
3) https://www.interventionsstelle-wien.at/download/?id=777