100 Kinder, oder: Geht’s alle sterben!

Ende August 2020: In Wien verkünden SPÖ, Grüne und Neos, 100 Kinder aus dem Lager Moria aufnehmen zu wollen. Die Bundesregierung sträubt sich, die Wiener*innen sind fein raus: Sie würden ja gern, dürfen aber nicht.Ende Dezember 2020: Wir reden immer noch über die 100 Kinder.

Ernsthaft, 100 Kinder? Für Wien, eine Stadt mit 1,9 Millionen Menschen? 92.000 Geflüchtete sind 2020 in den Mittelmeerstaaten der EU angekommen. 16.200 Geflüchtete befinden sich in den Lagern der Balkanländer, 120.000 leben allein in Griechenland. Weltweit sind 80 Millionen Menschen auf der Flucht.

Dass die Rechten mit zynischen Kommentaren und nationalistischer Rhetorik daherkommen – eh klar. Aber wenn Linke und Liberale angesichts einer globalen Migrationskrise nur 100 Kinder aufnehmen wollen ist das eine Katastrophe. Es heißt ja im Umkehrschluss: Für alle anderen soll die Grenze zu bleiben. Es heißt: Geht’s sterben.

80 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Wie eine progressive Antwort darauf aussehen kann weiß ich auch nicht. Ich weiß aber, dass rechte Anpassung (“100 Kinder!”) und utopischer Maximalismus (“Offene Grenzen!”) keine Debatten sind, die zu irgend etwas führen.

Migration ist kein Thema, das sich aussitzen lässt. “Vertreibung ist kein kurzfristiges und vorübergehendes Phänomen mehr”, sagt die UNHCR. Dafür braucht es konkrete politische Lösungen. Fakt ist, dass jährlich tausende Menschen in Europa aufgenommen und in die sozialen Strukturen integriert werden müssen, damit diese Länder ihrer Verantwortung gerecht werden. Und dass es eine globale Umverteilung von Geld, Ressourcen und Wissen bedarf, um der massiven weltweiten Ungleichheit zu begegnen.

Keine Ahnung wie, aber darüber möchte ich reden. Und nicht darüber welche 100 Kinder ihren Eltern weggenommen werden sollen.

Claudia W., Innsbruck

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