Aus aktuellem Anlass: 10 Gründe warum Antizionismus antisemitisch ist

Mit der vergangenen Eskalation des Israel-Palästina-Konflikts ist in zu erwartender Weise auch der linke Antizionismus wieder ausgebrochen, um sich in eingeübter Manier und dem Jargon des Antiimperialismus wieder dem Lieblings-Sündenbock und den Lieblings-Unterdrückten zuzuwenden.

So wurde bei einer antizionistischen Kundgebung in Innsbruck am vergangenen Mittwoch, 26. Mai, Israel wieder einmal als Apartheidsstaat bezeichnet, ihm ein Genozid und/oder ethnische Säuberungen vorgeworfen und die Existenzberechtigung abgesprochen. Nachdem vier Tage zuvor bereits eine Demonstration der „Solidarität mit Palästina“ durch die Innenstadt zog, wollten die Organisator:innen den Drive offenbar nutzen, bevor das Interesse am Thema für die nächste Zeit wieder abebben wird. Antisemitismus oder Uninformiertheit zu verhehlen, hatte man sich dabei kaum Mühe gegeben – #noantisemitism auf dem Plakat war der einzige, naive Versuch dazu. So wurde dann etwa in einem Redebeitrag die PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) als fortschrittliche Kraft bezeichnet, die neben diversen Flugzeug-Entführungen zahlreiche Attentate auf Zivilist:innen zu verantworten hat.

Doch weil Antisemitismus nicht nur in Mord und Totschlag besteht, sondern sich gerne als Antizionismus oder Israelkritik gibt, ist es nötig zu verstehen, warum der Antizionismus antisemitisch ist:

  • 1. Wer alternativlos das Ende des israelischen Staates fordert, würde folglich auch alle daraus entstehenden Konsequenzen in Kauf nehmen: Vertreibung und Mord – ganz gleich, ob dieses Ende an die Idee einiger Linker von der Erfüllung der Utopie des Weltkommunismus geknüpft wird.
  • 2. Israelis (v.a. jüdische) werden von den Palästina-Linken mit dem Staat Israel gleichgesetzt und nicht als zivile Opfer angesehen – ganz als würde jeder Einzelne jeden Aspekt von Israels Politik verantworten – Einwohner:innen werden dabei als Anhänger:innen behandelt. Entsprechend tauchen diese Opfer von Gewalt bei den Linken nicht auf. Jüdisches Leben wird von ihnen damit nicht als gleichwertig angesehen, kein jüdisches Leben ist für sie unschuldig.
  • 3. Israel wird mit doppelten Standards gemessen. Wenn Israel das Paradies auf Erden wäre – die Antisemit:innen würden es immer noch hassen. Diese Obsession teilen Linke mit den Vereinten Nationen. So ist Israel auch der einzige Staat der Welt, von dem ernsthaft verlangt wird, dass er sich nicht gegen Angriffe auf sein Territorium zur Wehr setzt. Diese Obesession entlarven Linke nicht nur durch das was sie tun, sondern auch das was sie nicht tun. Deshalb reagieren sich Linke mit einer Vehemenz an Israel ab, wie sie in Bezug auf keinen anderen Staat der Welt anzutreffen ist – entsprechende Demonstrationen und Verlautbarungen hinsichtlich etwa der unterdrückten Bevölkerung Myanmars, Syriens oder Irans, der Uigur:innen in China oder den Protesten im Irak gegen den Einfluss Irans während derer über 800 Menschen zum Opfer gefallen sind, bleiben aus. Die Palästinenser:innen taugen so gut als Identifikationsmaterial, weil sie von Jüd:innen unterdrückt würden. Tatsächlich gäbe es sie ohne letztere aber gar nicht, besteht doch ihre Identität fast ausschließlich in ihrer Rolle als Antagonist zu Israel und – nach Flucht und Vertreibung – als Opfer eines Krieges, den nicht Israel begonnen hat. Gäbe es Israel nicht, würde es wohl auch keine kollektive palästinensische Identität geben, dazu hat erst Israel ihnen verholfen.
  • 4. Die permanente Präsenz jüdischer Besiedelung in Palästina wird von jenen Linken geleugnet. Die Verwurzelung in Israel, die drei- bis viertausend Jahre zurückreicht, archäologisch belegt ist und zudem Kern ihrer heiligen Schrift ist, wird ihnen abgesprochen. Jüd:innen werden stattdessen als bloße Kolonisator:innen behandelt, nachdem sie, mit dem Aufkommen des Zionismus im 19. Jahrhundert begonnen haben den Landstrich zu besiedeln, der von rund 400.000 Araber:innen (nicht Palästinenser:innen) bewohnt wurde und zum größten Teil Ödland war.
  • 5. Israel ist der einzige jüdische Staat der Welt und wird genau dafür gehasst als „der Jude unter den Staaten“, der jüdische Charakter seiner Staatlichkeit wird ihm von seinen Feind:innen abgesprochen, während niemand von ihnen jemals einen der vielen Staaten kritisiert, wo Christentum oder Islam Staatsreligion sind.
  • 6. Israel wird undifferenziert an allem Schlechten für schuldig erklärt, was im Nahen Osten passiert, so wie für traditionellen Antisemitismus Juden als Sündenböcke für alle Übel der Welt, etwa in Form einer jüdischen Weltverschwörung herangezogen werden. Ähnlich dazu wird auch Israel beispielsweise vorgeworfen, alle Medien zu kontrollieren.
  • 7. Jüd:innen werden gemäß dem Konzept der Intersektionalität, in dem sie zwar oft eine Kategorie der Ungleichheit/Diskriminierung abbekommen, von Linken in der Regel als weiß deklariert, Israel meist als weißer Staat vorgestellt und darauf beruht der linke Rassismus-Vorwurf. Das ignoriert die (ethnische) Diversität von Jüd:innen in Israel und weltweit (und kann nebenbei bemerkt selbst als rassistisch bezeichnet werden). Für Jüd:innen, die sich solidarisch mit anderen diskriminierten Gruppen zeigen, bleibt in Zeiten aufflammender antisemitischer Gewalt die Solidarität aus. Jüd:innen sind für Linke nur schlechte Opfer.
  • 8. Keine Zionist:in zu sein, schützt keine Jüd:in vor Antisemitismus. Dieser ist ein meist nicht bewusst gemachter, sondern wahngesteuerter, auf Projektion beruhender Hass auf jüdische Menschen und kein politisches Programm seitens der Täter.
  • 9. Wer Israels Reaktion auf Raketenangriffe aus Gaza als Angriffskrieg bezeichnet, leugnet einen Teil der Realität. Das ist eine wahnhafte Weltsicht. Darin werden u.a. die über 4000 wahllos abgeschosenen Raketen, der offen faschistische Charakter der Hamas sowie ihr eliminatorischer Antisemitismus wenn nicht bestritten, so zumindest ausgeblendet, ebenso wie ihre militärische Positionierung in Wohngebieten und ihr Missbrauch von humanitären Geldern für Waffenkäufe usw. Was zählt ist, dass die Palästinenser:innen ein irgendwie unterdrücktes Volk sind. Ursache und Wirkung scheinen in dieser Weltsicht nicht zu existieren, oder die Ursache aller Gewalt wird bis auf Israels Existenz bzw. Unabhängigkeitserklärung/-krieg zurückgeführt. Während die Welt Deutschland den industriellen Genozid an sechs Millionen Jüd:innen und Juden verziehen hat, wird die Welt Israel niemals verzeihen, dass es einen Krieg gewonnen hat, den es nicht begonnen hat. „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“ – und danach ist Israel die neue Projektionsfläche für den Antisemitismus, der sich seither als Antizionismus salonfähig macht.
  • 10. Israel werden die unterschiedlichsten, sich teils widersprechenden Vorwürfe gemacht. So wird Israel etwa ein Genozid vorgeworfen, während die Bevölkerung des Westjordanlands und Gazas ein hohes Wachstum verzeichnet. Genauso verhält es sich mit ethnischen Säuberungen, was ohnehin kein rechtlich eindeutig bestimmter, sondern ein politischer Begriff ist und ein Spektrum verschiedener Akte bis hin zum Genozid meint. So bleiben die Nutzer:innen des Begriffs denn in der Regel auch eine Begründung schuldig. Im Zuge des von Israels Nachbarstaaten begonnen Krieges 1948 ergriffen etwa 800.000 Araber:innen die Flucht oder wurden vertrieben, wobei einige arabische Communities verblieben. Dass es gleichzeitig auch zur Eroberung/Besetzung jüdischer Siedlungen durch arabische Kräfte und der Flucht jüdischer Menschen sowie zu einer Welle von Pogromen, Flucht und Vertreibung von Jüd:innen in der Diaspora v.a. in arabischen Ländern kam, spielt für die Palästina-Linken keine Rolle. Ebenso haben antisemitische Linke oft bereitwillig Gerüchte über den Mord an Kindern – das Stereotyp der Ritualmordlegende – oder über die Vergiftung von Wasser übernommen. Genauso verhält es sich mit dem Vorwurf der Apartheid, der vor allem als Kampfbegriff gebraucht wird, um Israel zu delegitimieren, ohne begründet zu werden, während ignoriert wird, dass arabische Israelis volle Staatsbürger:innenrechte genießen, weshalb der Vorwurf keinerlei Substanz hat und zudem eine Relativierung der Apartheid Südafrikas  darstellt. Dass der konkrete Inhalt solcher Vorwürfe ohnehin eher nachrangig ist – von Beweisen ganz zu schweigen – und im Rahmen einer einzelnen Veranstaltung/Publikation teils widersprüchliche Vorwürfe gemacht werden, zeigt, dass es nicht um eine Kritik, sondern lediglich um die Dämonisierung Israels geht.

Nahezu alle Punkte berühren die auf der Kundgebung am vergangenen Mittwoch vertretenen Positionen. Die Organisator:innen müssen sich fragen lassen, warum sie entsprechenden Positionen eine Plattform bieten und eine vermeintliche Palästina-Solidarität benutzen, Hass auf Israel zu forcieren. Der Grund heißt Antisemitismus. Die Anerkennung des Leids von Palästinenser:innen braucht keinen Antizionismus. Mit ihm ist niemandem geholfen. Eure Motive sind mehr als zweifelhaft.

Christoph

Foto: Pixabay

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Anmerkung: Aufgrund mehrfacher Kritik an der Bebilderung wurde das Beitragsbild geändert.